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«... und unversehens sitzt der Zuschauer auf der Geschworenenbank. War er's, war er's nicht? Was ist die Unschuldsbeteuerung eines Mannes wert, der einer Vergewaltigung angeklagt wurde? Was ist die Erinnerung einer traumatisierten Frau wert? Ist die Stimme ein Indiz? Können Erinnerungen täuschen?» (Matthias Matussek, «Der Spiegel»)

Hören wir einen kurzen Moment zu:

Paulina: Also gut, dann bin ich krank. Aber ich kann krank sein und trotzdem eine Stimme erkennen. Ausserdem, wenn wir einen unserer Sinne verlieren, dann gleichen die anderen das aus, sie werden schärfer. Ist doch so, Doktor Miranda?

Gerardo: Eine verschwommene Erinnerung an eine Stimme ist kein Beweis für irgend etwas, Paulina, es ist anfechtbar...

Paulina: Es ist seine Stimme. Ich habe sie sofort erkannt, als er letzte Nacht hereinkam. Es ist die Art, wie er lacht, die Worte, die er benutzt.

Gerardo: Aber das ist doch kein ...

Paulina: Vielleicht ist es nur eine winzige Spur, aber für mich ist es genug. In all den Jahren hat es nicht eine Stunde gegeben, in der ich sie nicht gehört habe, immer diese Stimme neben mir, nah an meinem Ohr, ganz nahe, diese Stimme, vermischt mit Speichel, und du denkst, ich vergesse eine Stimme wie seine?

Der Autor

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Ariel Dorfman ist einer der grossen lateinamerikanischen Schriftsteller. Er wurde 1942 in Argentinien geboren, lebte bis 1973 als Unterstützer der Politik Salvador Allendes in Chile. Nach dem Putsch von 1973 war er gezwungen, ins Exil zu gehen. Als Professor für Lateinamerikanistik an der Duke University lebt er zur Zeit in Durham, North Carolina, und in Chile.

«Der Tod und das Mädchen», benannt nach Schuberts Streichquartett, ist sein erstes Theaterstück und seit Beginn der 90-er Jahre weltweit bekannt. Dorfmann ist Autor zahlreicher Romane und Essays. «Der Tod und das Mädchen» wurde nach der Uraufführung am Royal Court Theater in London als bestes Theaterstück der Spielzeit mit dem «Laurence Olivier Award» ausgezeichnet. Im März 1992 kam das Stück in grosser Starbesetzung mit Glenn Close, Gene Hackman und Richard Dreyfuss am Broadway heraus. Roman Polanski hat das Stück 1995 mit Sigourney Weaver, Ben Kungsley und Stuart Wilson verfilmt.

ProduktionTheatergruppe Burgdorf           
RegieReto Lang
RegieassistenzHelga Zbinden
Bühnenbild / Dramaturgie Heinz Egger
Soufflieren / InspizienzSusanne Kummer
Kostüme / MaskenChristina Wenger
TechnikPeter Schläfli
MusikFabian Gutscher
GrafikSabine Käch


Personen und Darstellende

PaulinaBarbara Schmutz   
GerardoRuedi Rohrbach
RobertoPatrick Sommer

Szenenbilder aus den Aufführungen

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Medien-Berichte


«Der Bund» vom 25. Oktober. 2004

Die Spirale der Gewalt dreht unaufhörlich
Herausragend ist die Produktion der Theatergruppe Burgdorf, beklemmend der Inhalt zu Folter und Gewalt, Rache und Verdrängen. «Der Tod und das Mädchen» ist bis am 14. November auf der Casinobühne zu sehen.
Kaltes blaues Licht, hohe Gitter mit schmalem Durchgang, auf dem Bühnenboden bewegungslos ein geknebelter Mann. Dumpfe Töne eines Didgeridoos wabbern aus dem Untergrund, ein Video wirft schemenhafte Menschenfiguren auf die Rückwand. Diese Szenerie auf der Casinobühne reisst den Zuschauer direkt in die beklemmende Atmosphäre eines Tribunals im privaten Raum.

Um nichts weniger als um das Recht auf Rache und Vergeltung der vor 15 Jahren vergewaltigten und gefolterten Paulina geht es im Politthriller «Der Tod und das Mädchen» von Ariel Dorfmann. Die Theatergruppe Burgdorf hat unter der Regie von Reto Lang dieses anspruchsvolle Werk für drei Schauspieler hervorragend umgesetzt. Dicht, schnörkellos und überzeugend agieren die drei Protagonisten, allen voran Barbara Schmutz als Paulina. Ihre Worte schockieren und treffen, ihr Zugriff auf den Gefangenen ist unmissverständlich, Mimik und Bewegungen unterstreichen ihren Anspruch auf ihr individuelles Recht. «Ich habe das Recht, ihn zu fesseln und der Sprache zu berauben», sagt Paulina zu ihrem Ehemann Gerardo (Ruedi Rohrbach). Dieser will einerseits seine Frau rächen und ist andererseits unschlüssig über die tatsächliche Schuld von Doktor Miranda (Patrick Sommer).

Der Doktor beteuert im Rollstuhl gefesselt seine Unschuld, versucht die Frau als wahnsinnig einzustufen und für sein Leben einen Deal auszuhandeln. Aber die Frau weist ihn in die Schranken und will sein schriftliches Geständnis. Erst dann kann Paulina wieder entspannt die herrliche Musik von Schubert zu «Der Tod und das Mädchen» geniessen, ohne ständig an ihre Folterungen und Vergewaltigungen erinnert zu werden. «Du bist in dir selber gefangen und eingeschlossen seit fünfzehn Jahren», wirft Gerardo ihr vor. Und Doktor Miranda kommt nach seinem erzwungenen Geständnis zur erschreckenden Einsicht, dass Rohheit und Brutalität in jedem Menschen vorhanden sind und er am «Spiel» mit der Gewalt Gefallen findet. Der Zuschauer wird buchstäblich ins Stück hineingerissen und verfolgt fasziniert das Zuspitzen der Situation bis zum finalen Eklat.



«Berner Zeitung BZ» vom 26. Oktober 2004

Paulina möchte wieder Schubert hören
Ariel Dorfmanns Kammerspiel «Der Tod und das Mädchen» im Casino-Theater BurgdorfSchubert ist Paulinas Lieblingskomponist. Aber sie kann ihn nicht mehr hören, seit sie zu dessen Streichquartett «Der Tod und das Mädchen» im Namen irgendeiner diktatorischen Regierung dieser Welt gefoltert und vergewaltigt worden ist. Jetzt hat sie die Hoffnung, diesen Bann beseitigen zu können. Denn die Vorzeichen haben sich gekehrt: Im geknebelten Mann Roberto, der in ihrem Wohnzimmer liegt, glaubt Paulina ihren Peiniger wiedererkannt zu haben. Sie verlangt von ihm «nur», dass er seine Tat gesteht – dann würde sie wieder Schubert hören können und Roberto laufen lassen.

Keine leichte Kost
Für ihre neuste Produktion hat sich die Theatergruppe Burgdorf keine leichte Kost ausgesucht. Zum einen behandelt Dorfmanns Stück die dunkelsten Seiten einer Diktatur und die brutalste Gewaltanwendung gegen Frauen, zum anderen verlangt die Textvorlage von den drei Laiendarstellern eine ausgezeichnete Spielkondition. Erweist sich das Stück trotz dem erschütternden Thema zeitweise als langatmig – unter anderem begründet in der streckenweise eintönigen Diktion von Paulina und Gerardo –, so trumpft jede der drei Figuren im Verlauf des Abends mit herausragend gespielten Szenen auf. Besonders eindrücklich ist, wie Roberto (Patrick Sommer) das – erpresste – Foltergeständnis abgibt. Man hört hier die Worte eines Mannes, der sich als Helfer der Opfer sieht, den die Hilflosigkeit dieser Opfer mit der Zeit erregt und dessen gute Absichten schliesslich zu einer Lust am Quälen pervertieren. Diese diabolischen Züge von Sommers Figur gehen unter die Haut.

Ekelhafter Ehemann
Paulinas Ehemann Gerardo ist so, wie er von Ruedi Rohrbach gespielt wird, kaum weniger ekelhaft als Roberto. Mit einer nervig besserwisserischen Art will er die Sache möglichst schnell erledigen. Nicht der Hauch einer echten Anteilnahme an Paulinas Schicksal ist spürbar und seine übermässige Coolness wirkt stellenweise schon fast unglaubwürdig.
Die Paulina von Barbara Schmutz steht zwischen diesen Männern auf der Bühne, und doch ist sie ganz allein – Paulina allein mit ihrer Erinnerung, Schmutz allein mit ihrem Text. Kaum einmal kommt es in der Inszenierung von Reto Lang – abgesehen von einigen Gewaltausbrüchen – zu einer Interaktion zwischen den Figuren. Die Männer und die Frau schauen sich während des ganzen Abends permanent nicht an, sie bewegen sich kaum und sprechen ihren Text ins Leere. Ist hinter diesem Konzept die Idee der totalen Isolation der Figuren erkennbar, so fehlt dem Abend ohne eine stellenweise Brechung dieser morbiden Stimmung die nötige Spannung. Zum Schluss des Abends jedoch gelingt Regie und Darstellenden ein absoluter Höhepunkt: Mit berührender Eindringlichkeit sagt Pauline, die Pistole auf Roberto gerichtet: «Was verlieren wir?» Eine Frage, die niemand beantworten kann.


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